Fight, Flight, Freeze - Wie der Körper mit traumatischem Stress umgeht

Veröffentlicht am 14. August 2026 um 19:30

Wenn Menschen Furchtbares erlebt haben, schreckliche Schicksalsschläge erleiden mussten oder in einen schlimmen Unfall verwickelt waren, dann ist dem Umfeld meist schnell klar, dass Veränderungen in der Persönlichkeit des Betroffenen, sozialer Rückzug oder vielleicht auftretende Ängste, Schlafstörungen oder Panikattacken damit im Zusammenhang stehen können. Wenn nach solchen Erfahrungen über einen längeren Zeitraum die Rückkehr in die "normale" Lebensführung noch immer schwerfällt oder diese durch oftmals willkürlich auftretende Symptome, wie Flashbacks (also das Auftreten innerer Bilder, die die schlimme Situation erneut oder auch verändert erleben lassen), Albträume, Schweißausbrüche oder sogar das mentale Wegtreten bzw. nicht regulierbare Aussteigen aus dem Hier und Jetzt (sogenannte dissoziative Zustände) kaum noch möglich ist, spricht man von einem Trauma, welches häufig behandlungsbedürftig ist. Spezielle Traumatherapien helfen gezielt, zu stabilisieren und das Erlebte zu verarbeiten.  

Nicht immer wissen Menschen von ihren Traumafolgen

Doch häufig sind die Folgen traumatischer Erfahrungen gar nicht so leicht als solche zu erkennen. Viele Menschen, die Beratung suchen, erkennen in ihrem Leben Probleme z. B. in der Lebensführung, im Umgang mit anderen Personen oder bei plötzlich auftretenden Veränderungen oder Herausforderungen. Sie wissen oft genauso wenig, wie ihr Umfeld, dass diese Probleme aus einem Trauma resultieren. Vielleicht ist ihnen bewusst, dass sie eine schwierige Kindheit mit unsicheren Bindungen erleben mussten. Vielleicht ist ihnen klar, dass sie nach all den Jahren immer noch ab und an nachts aufwachen und die verstorbene Schwester schmerzlich vermissen. Vielleicht haben sie auch bereits gelernt, dass die Schläge, die sie als Kind erhielten, alles andere als "nicht so dramatisch" waren. Doch warum sie sich in ständiger Alarmbereitschaft oder gehetzt fühlen, leicht reizbar sind und sich irgendwie häufig schneller belastet fühlen, als sie es bei anderen Personen beobachten, das wissen sie oftmals nicht. Warum es ihnen schwer fällt, sich in Beziehungen wirklich auf den anderen einzulassen und Vertrauen zu schenken und stattdessen immer wieder wegen Kleinigkeiten etwas hinwerfen, das werfen sie sich oft schon ihr ganzes Leben lang als Charakterschwäche vor. 

In ständiger Alarmbereitschaft

Dabei prägen insbesondere Traumata, die in der Kindheit geschehen sind, sehr heftig waren oder über einen längeren Zeitraum den Alltag eines Kindes tangierten, das spätere Erwachsenenleben oft nachhaltig und ohne Wissen der Betroffenen. In der traumapädagogischen Arbeit mit Menschen, die an den Folgen der Belastung leiden, geht es in erster Linie, auch in der Onlineberatung, darum, den Betroffenen zu erklären, warum sie mitunter so stark reagieren oder sich in ihrem Verhalten von anderen Menschen unterscheiden. Das traumatisierte Gehirn hat, vereinfacht gesagt, in der Akutsituation oder über Jahre der Entbehrungen oder Verletzungen gelernt, im Notfallmodus zu agieren. Bestimmte Areale innerhalb des limbischen Systems, z. B. die sogenannte Amygdala, welche eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung potentieller Gefahrensituationen spielt, arbeiten hier nachweislich verändert und sorgen beispielsweise für eine erhöhte Alarmbereitschaft. So kann es passieren, dass Situationen, in denen es ähnlich klingt, riecht, aussieht oder sich anfühlt wie bei der damaligen Krise, zu Belastungsreaktionen führen, die auf Außenstehende völlig unverhältnismäßig wirken können. Doch auch ohne solche Flashbacks, die einen in das Trauma zurückversetzen können, sind angespannte Reaktionsmuster, Unruhezustände oder schnelle Reizbarkeit bei Menschen nach langjährigem in der Kindheit erlebten traumatischen Stress zu beobachten. Die Bandbreite "schwieriger" Belastungsreaktionen reicht hier von heftigen Gefühls- oder Wutausbrüchen über plötzliche emotionale Ausbrüche und Weinen bis hin zum gewissen Erstarren (Dissoziieren), das oft als "Nicht-Reden-Wollen" fehlinterpretiert werden kann. Menschen, die in ihrem sozialen Umfeld, in der Familie oder im Kollegenkreis als ganz besonders schwierig, launisch, verschlossen oder impulsiv gelten, haben oftmals schwere Kindheitserfahrungen - mit traumatischen Folgen - durchlebt. 

Der gute Grund

Für die Beratung bedeutet das, dass der Ratsuchende zunächst verstehen sollte, dass jedes Verhalten, insbesondere bei bekannten erlebten Traumata, einen guten Grund hat. Der Grund ist aus evolutionsbiologischer Sicht auch ganz klar: das Gehirn bzw. der Körper schützt sich beispielsweise mittels "freezing" (deutsch: Einfrieren) vor nicht aushaltbaren oder potenziell lebensbedrohlichen Ereignissen oder Gefahren. Er stellt sich quasi tot. Ein Instinkt, der ähnlich wie die Impulse "fight" (deutsch: Kampf) und "flight" (deutsch: Flucht) gut funktionieren kann: Wenn man sich denn gerade von einem Raubtier bedroht fühlt! Doch auch in unserer modernen Welt bleiben unsere Instinkte, auch wenn zumeist unnötig geworden, intakt und wirken wie bei unseren frühen Vorfahren. Das Wissen darüber, wie diese Prozesse ablaufen und dass es eben für bestimmte Verhaltensweisen einen ziemlich "guten Grund" gibt, hilft betroffenen Menschen häufig bereits immens.

Traumapädagogische Hilfe

In einem weiteren Schritt der Beratung können traumapädagogische Übungen helfen, besonders schwierige Reaktionen zu bearbeiten, sie frühzeitig kommen zu sehen und sogar zu lernen, sie zu kontrollieren, zu bewältigen oder abzuwenden. Beispielsweise können bestimmte Körperübungen dabei unterstützen, sich bei einer drohenden Panikattacke oder Dissoziation zu "verankern" und den eigenen Körper wieder fühlen zu können - eine Bewältigungstechnik, die vielen Menschen mit posttraumatischen Belastungsreaktionen in solchen Situationen verloren geht. 

Wenn Sie selbst beim Lesen dieses Beitrages das Gefühl haben, es könnte eine solche Belastungsreaktion sein, die Ihnen Ihr Leben seit langem erschwert, können Sie gern ein unverbindliches Kennenlerngespräch mit mir vereinbaren. Auch wenn Sie bereits wissen, dass sie posttraumatisch belastet sind und sich Hilfe bei der Bewältigung wünschen, ein Therapieplatz jedoch noch nicht gefunden ist (oder Sie sich hierfür nicht bereit fühlen), kann ich Ihnen als zertifizierte Traumapädagogin und Traumafachberaterin erste methodische Ansätze vermitteln, mit denen Sie lernen können, im Leben wieder besser zurechtzukommen. Sie lernen zu verstehen: Ich bin nicht schuld an meinen Problemen, mir ist Schreckliches passiert und es ist vorbei. Nun lerne ich mit Hilfe von außen, damit umzugehen!